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Hungertuch in der Kirche

Das Misereor

Hungertuch 2015

 

 

Gott und Gold - Wie viel ist genug?

Das Misereor-Hungertuch von Dao Zi - eine Lesehilfe

Mit den Hungertüchern knüpft MISEREOR an den mittelalterlichen Brauch der Fastentücher an, die Altäre und Triumphkreuze verhüllten und seit dem 12. Jahrhundert auch als Medium der Verkündigung genutzt wurden. Seit 1976 erleben die Hungertücher dank MISEREOR eine Renaissance: Künstlerinnen und Künstler verschiedener Kulturen greifen in ihren Bildern biblische Motive auf, um Fragen nach Gerechtigkeit, Lebensstil, Verantwortung, Macht, Ausbeutung und Ausgrenzung zu stellen.

Das Hungertuch 2015/2016 trägt den Titel "Gott und Gold - Wie viel ist genug?" Gestaltet hat es der chinesische Künstler Dao Zi. Er löst sich von den traditionellen perspektivischen Prinzipien, wie sie lange im Mittelpunkt der westlichen Malerei standen. Anknüpfend an christliche Inhalte findet er die Inspiration für seine traditionelle Tuschemalerei in der Meditation. Angeregt zu seinem Bild haben ihn die Verse Mt 6,9-24 ("... wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz").

Das halbabstrakte Bild beschränkt sich auf wenige Grundformen und Farben. Die dunkle horizontale Bahn kann als Querbalken des Kreuzes, aber auch als Weg gesehen werden - als Weg des Menschen durch Welt und Zeit. Ein mächtiger goldener Stein zieht alle Blicke auf sich. Er steht einerseits für Christus, den "Stein des Anstoßes", der zum "Eckstein" wird (Mt 21,42-44, Apg 4,11 ). In ihm hat sich Gott den Menschen gleichgemacht; er wurde zum Diener aller, besonders der Gestrauchelten und Bedrängten, bis zum Einsatz seines Lebens am Kreuz. Der Stein erinnert aber andererseits auch an einen Meteoriten, der auf der Erde aufschlägt und Zerstörung bewirkt: Die Gier nach dem realen und virtuellen Gold, nach wertvollen Rohstoffen hat in der Vergangenheit ganze Kulturen ausgelöscht und ist auch heute verantwortlich für die Verwüstung von Lebensräumen, für Krieg, Vertreibung und Armut.

Der Künstler hat die Farbe Grau für Himmel (oberhalb des schwarzen Balkens), Erde und Wasser (unterhalb) gewählt, um deutlich zu machen; Die Schöpfung ist nicht mehr so, wie Gott sie gewollt hat - nicht mehr durchsichtig auf das Göttliche. Das Schwarz des Kreuzbalkens symbolisiert Leiden und die Endlichkeit der menschlichen Existenz. Aber: Das scheinbar eintönige Schwarz changiert - ebenso wie das "Grau der Realität". Die roten Siegel links unten und rechts oben zeigen in verschiedenen Varianten je vier Striche. Drei Striche stehen für die Nägel, mit denen Jesus ans Kreuz geschlagen wurde. Die Zuordnung "drei zu eins" weist auf die Trinität hin; Christus, der im Heiligen Geist mit dem Vater verbunden ist, als Offenbarung des dreifaltigen Gottes in der Welt.

Was wir Menschen für ein auskömmliches, zufriedenes und erfülltes Leben brauchen, gibt Gott in unsere Obhut. Die Gaben, die er uns zur Verfügung stellt, werden von den Goldkörnern versinnbildlicht – ihre Zahl, es sind sieben, drückt "Vollkommenheit" aus. Was Gott geschaffen hat, ist gut. Doch wie können die Güter gerecht verteilt werden? Wie können wir unser Leben als Geschenk und als Auftrag erkennen? Wie viel ist genug - für jeden Einzelnen in Nord und 5üd, für die Fischer auf den Philippinen, die Armen in Brasilien und anderswo, die Menschen aller Kontinente? Wie viel Besitz ist notwendig für ein "gutes Leben"? Wird es uns gelingen, die Fixierung auf immer mehr materiellen Konsum aufzubrechen und die wahren Schätze miteinander zu teilen? Durch Jesus wissen wir, dass "Leben in Fülle für alle" von Gott gewollt und möglich ist. Mit ihm und im Austausch mit Menschen anderer Kulturen können wir neu entdecken, was "gutes Leben" heißt.